„Die Hölle kann nicht schlimmer sein“ Hannoversche Allgemeine Zeitung / Wirtschaft vom 2.12.2006

„Die Hölle kann nicht schlimmer sein“

Reporter üben in Hannover den Umgang mit Menschen in Kriegsgebieten

Von Daniel Alexander Schacht
Hannover. „Wir haben in Nordisrael in einem der Bunker gedreht“, sagt André Marty, „dort, wo die Menschen Zuflucht vor Hisbollah-Angriffen suchten. Ein Israeli ging kurz raus und wurde direkt vor dem Bunker von einer Katjuscha-Rakete zerfetzt.“ Der 41-Jährige hat viele Gewaltszenen erlebt. Denn er ist Korrespondent des Schweizer Fernsehens in Tel Aviv. Und in der Krisenregion Nahost werden Journalisten nicht selten zu Kriegsreportern. Kinder in Gaza, deren ganze Familie von israelischen Raketen ausgelöscht worden ist, schwer verletzte Soldaten, die aus dem Norden Israels gerade im Klinikum von Haifa ankommen – das war in den Wochen des Libanon-Krieges für André Marty der Alltag. Noch Monate danach begleiten ihn Erinnerungen an diese Erfahrungen. „In solch einem Moment fühlst du dich sehr einsam.“
Deshalb ist André Marty nach Hannover gekommen – als einer von rund einem Dutzend Reporter. Sie alle wollen lernen, mit belastenden oder extremen Erlebnissen zurechtzukommen und zugleich trainieren, wie man mit Menschen umgeht, die gerade solche Erfahrungen gemacht haben.
Wie man mit Situationen in Krisengebieten umgeht, wurde jüngst in Hannover in der Zentralen Fortbildungsstelle für Programmmitarbeiter (ZFP) von ARD und ZDF von Fee Rojas und Mark Brayne, gleichfalls Psychotherapeut und Journalist, erstmals systematisch geübt – in einer Interview-Simulation mit Schauspielern, die Zeugen eines Bombenanschlags darstellen. Eine zwiespältige Aufgabe für die Journalisten: Einerseits sollen sie Informationen sammeln, andererseits können sie sich nicht einfach darüber hinwegsetzen, dass die Zeugen zwischen Schock und Trauma taumeln. „Wir dürfen da nicht wie die Geier nur die Story im Blick haben“, sagt ein Teilnehmer.
Rojas und Brayne durchwandern mit den Teilnehmern alle Phasen der Interviewsituation und helfen ihnen, ihre Rolle zwischen Interviewer und Seelsorger zu finden. „Opfer von Kriegen, Naturkatastrophen oder Verbrechen sind oft traumatisiert und müssen besonders sorgsam behandelt werden“, sagt Rojas, die selbst Journalistin ist. „Wer über solche Ereignisse berichtet, hat nicht nur eine besondere Verantwortung, er wird oft auch selbst in Mitleidenschaft gezogen.“ Traumatische Zustände gehen auch mit körperlichen Symptomen einher – vom Zähneknirschen über Schwitzen und Atemnot bis hin zu Sehstörungen, Muskelzuckungen, Herzrasen und Erbrechen.
Sinnvoll sind Übungen keineswegs nur für Kriegsreporter, betont Rojas. „Mit traumatischen Erfahrungen muss jeder Lokalreporter rechnen, der über einen Autounfall oder ein Familiendrama recherchiert.“ Wie wichtig die Aufarbeitung von Traumata sein kann, zeigt auch der Fall des israelischen Fotografen Ziv Koren, dessen Bild eines in einem Busskelett liegenden israelischen Leichnams auf dem Titelblatt des US-Magazins „Time“ gedruckt wurde. In einem Filmporträt über seine Arbeit sagt er: „Ich kann mir die Hölle nicht schlimmer vorstellen.“ Auch zehn Jahre nach dem Ereignis hat er die Details noch haarklein vor Augen und wirkt noch immer verstört, wenn er von dem Selbstmordattentat erzählt.
„Gerade bei Fotojournalisten und Kameraleuten brennen sich die Bilder von Extremereignissen oft besonders tief ein, sagt Rojas. „Denn sie müssen oft besonders nah rangehen, und sie schreiben später nicht darüber, dabei kann das schon ein Beitrag zur Bewältigung sein.“ Brayne nennt es merkwürdig, dass Journalisten, anders als Polizisten, Soldaten oder professionelle Helfer in Krisengebieten, bislang kein professionelles Training bekommen. „Das gehört in jede Journalistenausbildung.“
Dass man ein traumatisches Ereignis auch jahrelang aus dem Bewusstsein verdrängen kann, hat der Schweizer André Marty in Hannover vor Augen geführt bekommen. „Uns wurde ein Video von den Schlägereien beim G8-Gipfel 2001 in Genua vorgeführt, und da ist mir schlagartig klar geworden, dass ich diese Ereignis nicht wirklich verarbeitet habe“, erzählt er. „In Genua wurde unser Crew-Fahrzeug von Demonstranten angezündet und kurz darauf mein Kameramann und ich von italienischen Carabinieri zusammengeschlagen – das hatte ich bis zu den Bildern in Hannover aus meinen Erinnerungen gestrichen.“